Minimalismus: Kein abgedrehter Esoterik-Quatsch

Minimalismus bezeichnet einen Lebensstil der auf Verzicht und Einfachheit basiert. Immer mehr Menschen verzichten auf Konsum und schränken ihren Besitz radikal und mutwillig ein.

Minimalismus: Mein erster Eindruck

Als ich das erste Mal davon gehört habe, war ich extrem skeptisch. Zeitweise dachte ich, dass Minimalisten nun eine neue Art Extremisten seien, die mit militanten Veganern konkurrieren möchten (nichts gegen vegane Ernährung, nur gegen sektenartige Glaubenskriege).

Je öfter ich jedoch über das Thema gelesen habe und je mehr ich in mich hinein gehorcht habe, desto faszinierter wurde ich von dieser Lebensweise.

Potentiell bin ich ein sehr ordnungsliebender Mensch und stelle es mir daher großartig vor, weniger Krempel im Haushalt zu haben, der die Wohnung verstopft.

Hinzu kommt, dass ich bereits seit längerem das Gefühl habe, dass zusätzliche Luxusgegenstände mich nicht glücklicher machen sondern im Gegenteil, mich sogar früher oder später nerven. Viele Dinge die ich irgendwann für viel Geld gekauft habe landen  später auf dem Müll oder verstauben unbeachtet in der Ecke. Daher kann ich mir sehr gut vorstellen, dass es schön sein muss, solche Dinge nicht zu haben.

Weniger Zeug, das rumfliegt. Weniger, das einen ablenkt. Weniger, was einstauben kann. Einfach weniger Ballast. Das klingt doch eigentlich ganz toll.

Minimalismus in verschiedensten Ausführungen

In den Medien wird Minimalismus häufig wie folgt dargestellt:

Eine Luftmatratze, ein Kissen auf dem Fußboden, ein Putzeimer als Laptoptisch. Eine Bananenkiste, auf der eine Reisetasche steht, und ein riesiger Scheinwerfer. Ein Garderobenständer, der nur noch da steht, weil ihn bisher niemand haben wollte. Und ein kleines Waschtischunterschränkchen vom Sperrmüll. Das ist die Möblierung von Nicol Fronings Ein-Zimmer-Souterrainwohnung am Düsseldorfer Rheinufer.

Quelle: faz.net

Ein Putzeimer als Laptoptisch? Keine Waschmaschine und kein Kühlschrank? Ne. Minimalismus ist nichts für mich.

Später lese ich dann:

Minimalismus bedeutet für mich, ohne Ballast zu leben. Jeder Mensch definiert diesen Ballast unterschiedlich. Meist hat es mit materiellem Überfluss, unnötigen Aufgaben und negativen Beziehungen zu tun. Sobald man mit dem Vereinfachen beginnt, geschieht Erstaunliches. Man findet die Zeit und Muße, sich dem zu widmen, was einem wichtig ist. Statt sich durch Fußgängerzonen zu schieben, um nach Klamotten zu jagen, die sowieso nicht mehr in den Schrank passen, entspannt man sich mit einem Buch auf der Couch oder wandert durch die Natur.

Quelle: einfachbewusst.de

Hey! Minimalismus ist voll mein Ding!

Mir wurde langsam klar, dass jeder Mensch Minimalismus anders definiert. Es geht dabei vielmehr darum, sich über das eigene Umfeld und die eigenen Gefühle und Bedürfnisse klar zu werden und sein Leben danach auszurichten, was einem wirklich wichtig ist. Und das klingt doch absolut sinnvoll. Oder nicht?

Sich das eigene Umfeld bewusst machen

Wenn man sich mit dem Thema Minimalismus beschäftigt, schaut man sich das eigene Umfeld und insbesondere die eigene Wohnung viel genauer an. All die Dinge, die man angesammelt hat. 50 Tassen und Tupperdosen, die kaum noch in den Schrank passen. Irgendwelche eingestaubten Gimmicks im Regal.

Plötzlich wird einem klar, wieviel bessere es wäre, wenn einem die Tassen nicht jedes mal entgegen fallen, wenn man den Schrank öffnet. Und man realisiert, dass ein Zwei-Personen-Haushalt einfach keine 50 Tassen braucht.

Je mehr man sich damit beschäftigt, desto mehr Problemzonen entdeckt man, die inzwischen völlig alltäglich geworden sind. Sie stören und belasten einen, aber man nimmt es nicht mehr richtig wahr. Etwa so, wie wenn man sein Leben lang Schmerzen hat. Man gewöhnt sich daran und weiß irgendwann nicht mehr, wie es ohne ist.

Mit dem Gerümpel in der Wohnung ist es ähnlich. Es nervt unterbewusst, aber man bemerkt es nicht mehr wirklich. Erst wenn man mal gründlich ausmistet merkt man plötzlich, wie glücklich das macht.

Ich denke, als Minimalist nimmt man seine Umgebung und sich selbst viel bewusster wahr und weiß die kleinen Dinge des Lebens mehr zu schätzen.

Minimalismus ist nichts Esoterisches!

Auch wenn viele Blogs, die sich mit dem Thema Minimalismus beschäftigen, häufig auch Themen wie vegane Ernährung, Rückkehr zur Natur und Spiritualität behandeln, hat ein minimalistischer Lebensstil ersteinmal nichts mit Esoterik zu tun.

Alle diese oben genannten Themen verfolgen im Prinzip das Ziel, ein besseres Leben zu führen und gesunder und glücklicher zu sein. Grundsätzlich respektiere ich jeden Lebensstil. Ob vegan, religiös, minimalistisch oder stink-normal. Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Jeder weiß am besten, was ihm oder ihr gut tut.

Und auch wenn man das vielleicht nicht nachvollziehen kann, so kann man es dennoch respektieren. Minimalismus ist eine Möglichkeit, das eigene Leben zu verbessern. Und sicherlich ist diese Möglichkeit nicht für jeden geeignet.

Minimalisten sind nicht zwangsläufig weltfremde Außenseiter mit einer verzerrten Weltanschauung sondern normale Menschen wie Du und ich.

Wer glaubt, dass Minimalisten auf dem Boden schlafen und maximal einen Laptop und ein Hemd besitzen, der glaubt auch, dass digitale Nomanden nur Reisen und Party am Strand machen und dass alle Angestellten von 9 bis 5 arbeiten.

Alles Stereotypen. Bilder, die durch die Medien geprägt werden und kaum etwas mit der Realität zu tun haben.

Fazit

Minimalismus per se hat zunächst nichts mit einem extremen und komplett anderen Leben zu tun, sondern ist nur eine von vielen Möglichkeiten, das eigene Leben zu verbessern.

In meinem nächsten Artikel werde ich darüber schreiben, wie sich ein minimalistischer Lebensstil auf die persönlichen Finanzen und den Umgang mit Geld auswirkt.

Minimalismus ist in meinen Augen ein extrem spannendes Thema bei dem es sich lohnt, einmal mehr darüber nachzudenken und sich damit auseinander zu setzen.

Wie stehst Du dazu?

Fasziniert Dich das Thema genau so wie mich oder kannst Du den Begriff Minimalismus inzwischen schon nicht mehr hören?

9 Gedanken zu „Minimalismus: Kein abgedrehter Esoterik-Quatsch

  1. Mich fasziniert Minimalismus ebenfalls. Ich selbst würde mein Leben als minimalistisch angehaucht beschreiben. Noch weit entfernt von einem minimalen Inventar. Dafür habe ich einfach zu viel Zeug. Ich kann mich leider schlecht von Dingen trennen. Oliver von frugalisten.de ist da mit seiner Stuff-Cloud gedanklich viel weiter.

    • „minimalistisch angehaucht“ trifft es auch bei mir ganz gut. 😉

      Ja seinen Stuff-Cloud-Ansatz finde ich auch sehr interessant und wenn ich mich hier umschaue, wäre das auch keine schlechte Idee. Allerdings bin ich noch etwas „eBay-faul“.
      Potentiell ist es fast immer besser, Dinge die man jetzt nicht braucht, zu verkaufen da man sie in ein paar Jahren viel günstiger/ besser neu kaufen kann. Besonders bei Elektronik ist das so.

  2. Ich finde Minimalismus auch ein sehr interessantes Thema.
    Ich musste bei dem Artikel immer wieder schmunzeln, da es so ziemlich die gleiche Entwicklung wie bei mir war.

    Die Darstellung im Fernsehen und in den normalen Medien finde ich total falsch und so wird einem auch total die Lust am Minimalismus verdorben.
    Zum Beispiel habe ich vor kurzem erst eine Doku auf YouTube gesehen, die in der ARD lief.
    Dabei wurde einer Familie fast alles an ihrem Besitz weggenommen (Trockner, Spülmaschine, Fernseher) und gesagt, dass sie jetzt als Experiment mal Minimalismus ausprobieren.
    Klar, dass dann der Widerstand groß ist, wenn einem einfach alles weggenommen wird und das dann mit Minimalismus gleichgesetzt wird. Da hätte ich auch keinen Bock drauf.
    Ich denke, dass das einfach eine persönliche Entwicklung ist und die Hardcore-Minimalisten haben bestimmt auch nicht so angefangen.

    Schöne Grüße

    Dominik

    • Ja das wird es leider immer wieder geben, dass Themen durch die Medien komplett schwarz/weiß dargestellt werden. Klar werden nur die wenigsten Menschen damit glücklich sein, von jetzt auf gleich ihr ganzes Hab und Gut zu verlieren.

      Normalerweise sollte man sich auf dem Weg zum Minimalismus ja auch bewusst werden, was man wirklich zum leben braucht und was einen bereichert. Nicht selten ändert sich damit auch die Art zu Leben (also z.B. Hobbys, Freizeitbeschäftigung und Idealvorstellungen). Damit ändert sich langsam auch der Lebensinhalt und das, was man wirklich braucht. Wenn einem einfach alles weggenommen wird, hat man ja gar keine Zeit, für den fehlenden Lebensinhalt Ersatz zu suchen. Und man trennt sich von Dingen, die einem eigentlich sehr wichtig sind.

      Viele Grüße
      der Finanzfisch

  3. Landet nicht irgendwann jeder der sich mit Sparen beschäftigt um finanziell freier zu sein bei dem Thema? Minimalistisch war für mich früher immer negativ besetzt. Wenn ich aber vor jedem Kauf von „Dingen“ darüber nachdenke ob es mir das Wert ist, ob ich Pflege und Unterhalt dafür aufbringen möchte, so kaufe ich vieles dann doch nicht. Mein Lebensstil wird, so meine Beobachtung, immer minimalistischer 😉

  4. Finde es super, dass Du an Minimalismus ohne den esoterischen Firlefanz herangehst. Ich glaube dass druch radikale Vereinfachung und Entrümpelung schon eine Menge erreicht werden kann.
    Häufig lese ich auf diversen Blogs von Frugalismus, der durch radikale Senkung der Lebenskosten zum rascheren Erreichen der finanziellen Freiheit beitragen soll. Diese Logik hat meines Erachtens zwei Schwachstellen:
    (i) Ist es nicht jedermanns Sache radikal auf Luxusgüter, Essen gehen, etc. zu verzichten. Es sollte jedermanns freie Entscheidung sein, ob diese Reduktion der Lebenskosten tatsächlich erfolgen soll oder nicht.
    (ii) Es besteht nur eingeschränktes Potenzial zur Senkung der Lebenskosten. Diese können nicht unter 0 absinken 😉 Andererseits ist das Potenzial durch die Schaffung neuer (passiver) Einkommensquellen fast unbegrenzt. Insofern ist das wohl ein zielführenderer Pfad.
    Folgender verwandter Artikel zu diesem Themenstrang könnte interessant sein: https://meinefinanziellefreiheit.com/2016/06/16/finanziell-frei-mit-durchschnittseinkommen-und-sparsamkeit-leider-nein/
    Viele Grüße,
    FF

    • Hallo Finanziellefreiheit,
      da hast Du Recht. Wenn man es schafft, weitere Einkommensquellen zu generieren, ist das Einkommen nach oben hin quasi offen.
      Dennoch ist auch dann Sparsamkeit essentiell. Jedes noch so hohe Einkommen könnte problemlos für Luxus ausgegeben werden, wenn man nicht die nötige Disziplin hat. Umgekehrt glaube ich, dass viele Menschen auch mit ihrem Gehalt alleine schon gut für das Alter vorsorgen könnten, wenn sie etwas besser haushalten würden. So oder so sinkt aber das Ziel „finanzielle Freiheit“ durch einen sparsameren Lebensstil und wird dadurch in jedem Fall schneller erreichbar.

      Jegliche Einsparungen sollten optimaler Weise aber nicht zu Lasten der Lebensqualität gehen. Die Kunst ist es, auch mit wenig Besitz und Konsum glücklich leben zu können. Das macht es auf jeden Fall einfacher.

      Viele Grüße
      der Finanzfisch

  5. Guten Morgen in die Runde,

    ich musste herzlich Lachen bei der Tassen-Geschichte – genau so sieht es bei meiner Mutter zu Hause aus. Seit ich denken kann brachten wir aus jedem Urlaub eine Tasse mit nach Hause (mindestens und aus jedem Kurztrip ebenso). Selbst als wir uns eine neue Küche leisteten (natürlich mit mehr Stauraum :D) wurde kaum aussortiert.

    Ich bin vor einigen Jahren ausgezogen und habe mir erlaubt 6-8 Tassen mit zu nehmen. Das ist quasi gar nicht aufgefallen und der Schrank bei meiner Mutter ist heute so voll wie eh und je. Ok es mag eines ihrer Hobbys sein – dennoch komme ich mit meinen inzwischen ggf. auf 10 Tassen angewachsenen Sammlung seit nunmehr 5 Jahren ziemlich gut hin 😉

    Nun bin ich etwas abgeschweift, aber die Tassen-Geschichte hat in mir einfach direkt die volle Identifikation hervorgerufen… ich bin ebenfalls der Ansicht, dass Minimalismus nichts mit Einschränkung zu tun haben muss.

    Wie du bereits scheibst, sieht es für jeden etwas anders aus. Ich lebe schon immer sehr sparsam und darf mir immer mal anhören ich solle mir mal was gönnen, etc. Ich brauche das aber gar nicht. Was bringen mir 1000 Sachen zuhause, die nur einstauben. Mein Kleiderschrank ist voll und shoppen macht mir ohnehin kein Spaß – manche Kleidungsstücke gefallen mir einfach seit knapp 10 Jahren und so lange sie noch ordentlich aussehen, werde ich sie also auch anziehen. Genauso bin ich aber auch durchaus bereit „viel“ Geld für Dinge auszugeben, die mir mehr bedeuten – Reisen zum Beispiel. Hier denke ich quasi gar nicht „oh nein wie teuer“ oder „ne brauche ich doch gar nicht wirklich“.

    Ich bin gespannt auf den Fortgang der Artikelserie 🙂

    Viele Grüße
    Marielle von den Beziehungs-Investoren

    • Hallo Marielle,
      vielen Dank für Deinen Kommentar. Bei meiner Mutter sieht es tassenmäßig genau so aus 😉

      Ich glaube bei Minimalismus geht es gerade darum, sich bewusst zu werden, was einem „viel“ bedeutet und sein Leben darauf auszurichten.

      • Wenn man, so wie Du, gerne reist, dann ist es okay, dafür viel auszugeben.
      • Wenn man wirklich glücklich damit ist, nur vom Fernseher zu hocken (soll es geben), dann wäre es auch richtig, sich einen guten Fernseher zu gönnen.
      • Wenn man z.B. ein Hobby hat, für das man viel Equipment braucht, könnte man ja auch sagen: „Als Minimalist darfst Du aber nicht so viele Dinge haben“, aber das würde dieses Hobby deutlich erschweren, da man sich jedes mal etwas ausleihen müsste und damit viel Zeit und Geld verschwendet.

      Nur man muss sich bewusst werden, was die Dinge und Aktivitäten sind, die das eigene Leben wirklich bereichern und dann die Störfaktoren beseitigen.

      Viele Grüße
      der Finanzfisch

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