Warum die Armutsschere nicht das Problem ist

In meinem letzten Beitrag habe ich darüber geschrieben, wieso die Armutsschere wesentlich mit dem Fehlen finanzieller Bildung (insbesondere in Unter- und Mittelschicht) zusammenhängt. Darauf aufbauend möchte ich heute einen Schritt weiter gehen und betrachten ob die Armutsschere überhaupt schlimm ist.

Wer gilt als arm?

Hierzu sollten wir zunächst einmal klären, wer als arm gilt. Der Begriff der Armut ist „zum Glück“ ganz genau definiert:

So gilt zum Beispiel in Deutschland als relativ arm, wer maximal 50% des Medianeinkommens einer Bevölkerungsgruppe zur Verfügung hat.

Quelle: armut.de

Dem Armutsbericht des paritätischen Wohlfahrtsverband kann man entnehmen, dass diese grenze für Single bei 917€ Netto pro Monat und für Paare bei 1376€ im Monat liegt (Stand 2014). Auch für Alleinerziehende mit Kindern und Paare mit Kindern wird die Armutsschwelle genau definiert.

Laut Statista lag das durchschnittliche Einkommen 2015 bei 1.765€ pro Monat. Daraus ergäbe sich eine Armutsgrenze von 883€ im Monat für Singles.

Wer gilt als reich?

Die Schwelle zum Reichtum liegt bei einem Einkommen in Höhe von 250% des Medianeinkommens.

Rechnen wir mit dem Durchschnittswert aus 2015: etwa 4.413€ im Monat benötigt es, um als reich zu gelten. Netto, wohlgemerkt.

Ist das schlimm?

Jetzt muss man sich fragen, ob die Entwicklung der Armutsschere schlimm ist. Die Zahl der Menschen, die als arm gelten steigt. Und darüber hinaus steigt auch das Vermögen der Reichen schneller an als das der anderen Schichten.

Entwicklung des Durchschnittseinkommens

Zunächst einmal ist festzuhalten, dass die Entwicklung des Durchschnittseinkommens in Deutschland seit 1960 positiv war. Jahr für Jahr (Statista). Somit steigt auch das Medianeinkommen und damit die relativen Grenzen für Armut und Reichtum.

Von diesem Anstieg profitieren natürlich nicht nur die Reichen. Auch die Armen haben sich absolut gesehen verbessert. Ein Armer heute verdient deutlich mehr als ein Armer vor 10 Jahren. Und das ist gut so. Schließlich sind auch die Lebenshaltungskosten und der allgemeine Wohlstand gestiegen.

Relative Wohlstandsentwicklung

Vergleich man also die Nettoeinkommen stellt man fest, dass die Reichen zwar in einem Affenzahn reicher werden (Zinseszinseffekt und so) aber auch die Armen relativ gesehen mehr Wohlstand (zumindest was das Nettoeinkommen betrifft) erlangt haben.

Absolut gesehen hat sich der Wohlstand also für alle Bevölkerungsschichten verbessert. Relativ jedoch hat das Ungleichgewicht zwischen Arm und Reich zugenommen (Armutsschere).

Vergleicht man Arm und Reich, sieht es sehr ungerecht aus. Vergleich man die Schichten jedoch mit früher, so ist es in allen Schichten Jammern auf hohem Niveau.

Bleibt noch die Frage, wie problematisch dieses relative Ungleichgewicht ist.

Auswirkung des Reichtums auf die Armen

In welchen Bereichen wirkt sich der Reichtum der Reichen negativ auf die Armen aus?

Lebensmittel

Auf die Entwicklung der Lebensmittelpreise haben die Reichen wohl kaum einen Einfluss. Auf Kaviar vielleicht. Aber ob die Milch oder das Brot bei Lidl deshalb teurer werden, weil die Reichen im Bioladen 10€ für den Liter bezahlen, darf bezweifelt werden.

Wohnraum

In schönen Gegenden kann es passieren, das alte, hässliche und günstige Wohnblocks abgerissen und durch Luxuswohnungen ersetzt werden. Hier könnte sich die Lage durch den zunehmenden Reichtum verschlechtern. Allerdings wird das eher auf gemischte Regionen als auf komplett arme Stadtteile zutreffen.

Arbeitsplätze

Hier sind die Reichen eher positiv zu bewerten. Zum Teil schaffen sie mit Unternehmen neue Arbeitsplätze oder sind eher dazu bereit, Geld in eine Haushaltshilfe oder andere Dienstleister zu investieren. Also werden gerade durch den Wohlstand der Reichen neue Arbeitsplätze für die Armen geschaffen.

Soziale Ausgrenzung

In vielen Bereichen des Alltags leben die Reichen, genau wie die Armen, unter sich. Es gibt aber auch Schnittpunkte wie Schulen oder Kindergärten, die von allen Bevölkerungsschichten frequentiert werden. Hier werden Kinder, die anders sind, nicht die neusten Markenklamotten tragen oder sonst irgendwie auffällig sind, gerne auch mal ausgegrenzt. Das ist ein Problem, das nicht nur durch die Reichen auftritt.

Auch in der Mittelschicht finden solche „Spielchen“ gerne mal statt (jedenfalls früher). Das ist also kein fundamentales Problem durch Reichtum sondern eher eins durchs „anders sein“. Da hilft nur Aufklärung auf allen Seiten.

Subjektive Wahrnehmung

Schaut man sich „Die Geissens“ an oder was sonst so läuft, weiß man sofort, wie die Reichen leben. Sie tragen ihren Reichtum gerne zu schau und wenn man sich das im Fernsehen ansieht, fühlt man sich gleich viel viel ärmer.

Die subjektive Wahrnehmung der Reichen wird durch diese Reality-Shows, die nichts mit der Realität zu tun haben, grundlegend verzerrt. Dies ist einer der großen Nachteile der heutigen Medienpräsenz.

Überall und jederzeit wird man mit dem Leben der Reichen konfrontiert, wenn man es zulässt. Ob Bild oder RTL, ständig gibt es News von Stars und Sternchen die uns auf der einen Seite am Leben der Reichen teil haben lassen uns auf der anderen Seite aber zeigen, wie arm und chancenlos wir doch sind.

Das kann dazu verleiten, über den eigenen Verhältnissen zu leben um den Reichen ein Stück näher zu sein oder aber noch unglücklicher mit der eigenen Situation zu sein.

Zusammenfassung der Auswirkungen

Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Existenz der Reichen auf die Armen ist eher gering. Problematisch ist in meinen Augen jedoch der psychologische Effekt.

Gab es früher nur wenig Reiche die unter sich lebten und standen diesen viele Arme gegenüber, so sind die Reichen heute allgegenwärtig. War es früher noch ganz normal, arm zu sein, so zeigen einem die Medien heute, dass man im Vergleich sehr schlecht da steht.

Hier hilft nur, sich von diesen negativen Medien loszureißen und die gesparte Zeit sinnvoll zu investieren.

Darüber hinaus finde ich diese Schichtenbildung nach Kontostand sehr fraglich. Ich weiß nicht, wieso Menschen immer miteinander konkurrieren und sich mit anderen messen müssen. Anstatt dessen sollte jeder Mensch das Beste aus seiner Situation machen und seiner Umwelt so gut helfen wie er kann.

Fazit

Ich finde es nicht toll, dass es dieses Ungleichgewicht gibt. Aber es ist nicht den Reichen anzulasten, dass die Armen arm sind. Grundsätzlich ist es positiv zu bewerten, dass der Wohlstand in Deutschland zunimmt und es immer mehr wohlhabende Menschen gibt.

Auch wenn ich absolut nicht reich bin (finanziell gesehen), kann ich das Geschrei um die Ungerechtigkeit und die bösen Reichen absolut nicht nachvollziehen.

Klar ist aber, dass es immer Menschen gibt, die viel verdienen und Menschen, die wenig verdienen. Selbst wenn wir alle plötzlich 10-mal mehr verdienen, würde sich die Armutsquote dadurch nicht ändern.

Wichtig ist viel mehr, dass durch diese Unterschiede keine Grenzen gebildet werden. Jeder muss Zugang zu Bildung, zu Schule und zu Universitäten haben. Darüber hinaus müssen wir zu einer Gesellschaft werden, die Menschen nicht nach dem Umfang ihrer Geldbörse bewertet. Und wir müssen aufhören, das Leben anderer Menschen leben zu wollen.

Das Problem ist also nicht, dass es Arme und Reiche gibt und dass deren Kontostand immer weiter abweicht. Das Problem ist unser Umgang mit dieser Entwicklung.

Wie siehst Du das?

Wie ist Deine Meinung zum Thema Armutsschere?

5 Comments

  1. Ein weiterer wichtiger Punkt ist meiner Meinung nach, dass in den meisten Fällen die Reichen durch ihre eigene Arbeit ihren Wohlstand erarbeitet haben und nicht ihr gesamtes Vermögen für Schnickschnack ausgegeben haben. So hängt Reichtum auch zu einem gewissen Anteil mit dem eigenen Können und Verhalten zusammen.

    Wir sehen es ja immer wieder, dass die Lottomillionäre innerhalb von kürzester Zeit das gesamte Geld ausgegeben haben, weil sie einfach nicht mit Geld umgehen können. Wissenschaftler haben untersucht welche Auswirkungen es haben würde, wenn das gesamte Vermögen der Welt ganz gleich auf jeden Menschen verteilt werden würden. Sie gehen davon aus, dass nach 1-3 Jahren der alte Zustand wieder hergestellt wäre und fast keine Veränderung eingetreten wäre, weil sich die Menschen in ihrem Umgang mit Geld schließlich nicht verändert haben.
    So ist meiner Meinung nach eine gewisse Ungleichheit sogar erforderlich, weil es ungerecht wäre, wenn jemand der nicht so viel arbeitet und nicht so viel Wert für die Menschheit gibt, das gleiche verdienen würde.

    Schöne Grüße
    Dominik

    1. Hallo Dominik,

      75% der Hochvermögenden in Deutschland (mehr als EUR 1 Mio. freies Vermögen) haben ihr Vermögen ererbt. Das hat wohl nichts mit eigener Arbeit und cleveren Entscheidungen zu tun.

      Unsere soziale Marktwirtschaft soll durch die soziale Komponente (entgegen weit verbeiteter Ansichten) keineswegs nur den sozialen Frieden als Ist-Zustand sichern. Vielmehr soll diese soziale Komponente auch die Entwicklungschancen homogenisieren. Jeder sollte, wenn er über die Cleverness und das Können verfügt, reich werden können. Leider entfernt sich unsere Gesellschaft aber gerade von dieser Homogenität der Entwicklungschancen rapide.

      Wenn wir nicht einmal mehr Talente in Kindern entdecken können, die aus der Unterschicht kommen, dafür aber dumme, ungebildete und untalentierte Menschen durch Erbschaft zu Reichtum und – leider auch – Einfluss kommen, haben wir ein gesellschaftliches Problem.

      Deine unbelegte wissenschaftliche Studie ist nur eine, die ein deine Argumentation stützendes Ergebnis geliefert hat, unter vielen. Sie ist keinesfalls repräsentativ oder auch nur ansatzweise maßgeblich.

      Der IWF, der nun wirklich nicht als sozialromantisch gilt, hat ermittelt, dass große Einkommensungleichgewichte (wie wir sie mittlerweile in Deutschland und Europa erreicht haben), gravierende negative Auswirkungen auf das volksiwrtschaftliche Wachstum haben:“Demnach habe die Einkommensverteilung in einer Volkswirtschaft ganz erhebliche Auswirkungen auf ihre Wachstumsfähigkeit.“
      (Quelle: https://www.welt.de/wirtschaft/article142546849/Der-IWF-warnt-vor-der-Wachstumsbremse-Ungleichheit.html)

      Beste Grüße

      Oliver

      1. Hallo Oliver,

        mich würde mal interessieren, wie Du auf diese Werte von 75% ererbtem Vermögen kommst.
        Ich hatte mich in dem Bereich auch mal mit Zahlen und Statistiken auseinandergesetzt und dachte, dass es eher genau andersherum war. Also, dass nur 30 oder 35% der Reichen ihr Vermögen ererbt haben.

        Das hängt natürlich auch immer stark von dem betrachteten Bereich und den gewählten Parametern ab. So sieht das innerhalb von Deutschland vielleicht anders aus als Weltweit.

        Vielleicht ist da meine Sichtweise auch einfach durch meine eigenen Erfahrungen und Meinungen geprägt. So bin ich der Ansicht, dass langfristig Geld zu den Menschen kommt, die für die Welt Werte schaffen und der Gesellschaft etwas zurückgeben. Ausnahmen bestätigen hier natürlich die Regel. So glaube ich, dass Menschen, die mit Geld nicht vernünftig umgehen können irgendwann auch wieder verlieren.

        Es sollte das Ziel sein, dass jeder die Möglichkeit besitzt mit gleichen Talenten und gleichem Abeitseinsatz vermögend zu werden. Natürlich sind wir davon noch weit weg, jedoch sind hier die Chancen heutzutage besser denn je. So hast Du die Möglichkeit Dich übers Internet zu bilden und Dich immer weiterzuentwickeln. Dass Du hiermit niemals die gleichen Chancen wie ein Millionärssohn haben kannst, ist völlig klar und meiner Meinung nach auch nicht für jeden umsetzbar.

        Was wäre denn Deine Alternative, um zu verhindern, dass ungebildete und untalentierte Menschen durch Erbschaften Vermögen erlangen?
        Sollen wir die Erbschaftssteuer so stark erhöhen, dass die Erben den größten Anteil an den Staat abgeben sollen?
        Was willst Du dann mit vererbten Unternehmen machen?
        Vom Staat runterwirtschaften lassen bis es auch hier keine Arbeitsplätze gibt oder die Inhaber zwingen das eigene Familienunternehmen zu verkaufen?
        Was willst Du machen, wenn Du das Unternehmen nicht oder nur zu einem niedrigen Preis verkaufen kannst?

        Bedenke auch bitte die negativen Auswirkungen auf die jetzt lebende Bevölkerung. Wieso sollten sie sich denn jetzt besonders anstrengen, wenn ihre Nachkommen hiervon gar nicht mehr profitieren können. Dann könnten sie das Geld auch einfach jetzt für irgendwelchen Konsum ausgeben und sich auf ihren Ergebnissen ausruhen.

        Schöne Grüße
        Dominik

  2. Hallo Tobias,

    danke für deinen Artikel.

    Allerdings muss ich vorab sagen, dass ich diesen Artikel mittlerweile zu weiten Teilen schon sehr weit hergeholt finde.

    Im Einzelnen:

    1. Entwicklung des Durchschnittseinkommens: Die von dir verlinkten Daten ergeben ein CAGR von 4,06% p.a. Wenn du mal ein bisschen googelst, findest du sehr schnell die durchschnittliche Inflationsrate im gleichen Zeitraum, die just knapp unter 4% liegt. Mit anderen Worten: Real hat in dem von dir genannten Zeitraum überhaupt kein Wachstum der Durchschnittseinkommen stattgefunden.
    2. Relative Wohlstandsentwicklung: Ganz im Gegenteil also; der Wohlstand hat sich weder absolut noch relativ verbessert.
    Wenn du dann noch schreibst (und das stimmt ja erwiesenermaßen), dass die Reichen immer reicher werden, dann sind die Ärmeren offensichtlich und eindeutig immer ärmer geworden.
    „Jammern auf hohem Niveau“ kann dann leider nur als sehr bitterer und trauriger Zynismus gedeutet werden. Ich hoffe, dass diesen Artikel niemand gelesen hat, der mit dem von dir genannten Armutseinkommen leben muss.
    3. „Auswirkungen des Reichtums auf die Armen“ – Sorry, aber diesen gesamten Abschnitt finde ich einfach nur unfundiert und willkürlich. Du nimmst willkürliche Gliederungen und Einordnungen vor und scheinst noch dazu lediglich subjektive Erfahrungen zu schildern, die du aber als Fakten verkaufst.
    a. „Lebensmittel“ werden bereits seit Jahrzehnten immer günstiger. Die Ursachen hierfür sind vielfältiger Natur (z.B. bessere Transportmöglichkeiten, besseres Saatgut und Dünger, sinkende Qualität etc.). Nicht umsonst können in Deutschland landwirtschaftliche Betriebe kaum gehalten werden und müssen einzelne landwirtschaftliche Zweige unentwegt subventioniert werden (vgl. Milchbauern).
    Das Problem liegt also nicht in der Ernährung, sondern in gesunder Ernährung. Wenn du dir mal die Teller armer Menschen anschaust, wirst du dort vor allem Essen von minderer Qualität finden.
    Ähnlich verhält es sich mit der medizinischen Versorgung, in der wir bereits seit langem in eine 2-Klassen-Versorgung gesteuert sind, die keinen mehr zufrieden stellt. So gehöre ich zwar zu den – nach deiner Definition – Reichen, bin aber auch nicht zufrieden. Wenn ich in Stuttgart nach einem Hautarzt suche, finde ich nur welche die bestimmte, besonders einträgliche Behandlungen von Venenproblemen auf private Rechnung vornehmen. Mit meiner chronischen Hautkrankheit und meiner gesetzlichen KV möchte mich aber kein Arzt behandeln. Jetzt stell dir mal vor, wie es einem Hartz IV-ler geht! Armut kostet vor allem: Gesundheit, Lebensqualität und erwiesenermaßen Lebenszeit!
    b. „Wohnraum“ – In schönen Gegenden stehen selten alte und hässliche Wohnblocks. Die Ausgangssituation ist also schon eigenartig geschildert. Die Realität sieht folgendermaßen aus: Es gibt in jeder Stadt schöne und weniger schöne Viertel. In Letztgenannten wohnen in der Regel die Unterprivilegierten. Irgendwann suchen Investoren nach neuen Objekten und landen irgendwann in den schwächeren Vierteln. Dort kaufen sie Objekte, kernsanieren diese und erhöhen dann die Miete oder den Wiederverkaufspreis. Die Folge ist in beiden Fällen absehbar. So habe ich es in Stuttgart bereits zigfach erlebt (Bad Cannstatt, Stuttgart-Ost und –Süd). Und Stuttgart ist nun wirklich nicht für seine Armut bekannt.
    c. „Arbeitsplätze“ – Also auch die Herleitung dieser Zusammenhänge finde ich teilweise schon abenteuerlich. Durch den Reichtum Einzelner werden also Arbeitsplätze geschafft. Das würde ja fast schon bedeuten, dass das Geld in den Händen der Reichen sinnvoller aufgehoben ist als in den Händen aller anderen.
    Rund 75% aller Hochvermögenden (mehr als EUR 1 Mio. freies Vermögen) haben ihr Vermögen ererbt. Gib dir das mal! Wo wurde denn da der gesellschaftliche Mehrwert geschaffen? Von Arbeitsplätzen will ich mal gar nicht anfangen. Im besten Fall findet noch eine Geldanlage in Aktien oder Renten statt, aber viele Vermögen – das kann ich aus 15 Jahren Tätigkeit im Finanzwesen berichten – liegen auf Sparkonten und bringen niemandem etwas. Noch nicht einmal dem Staat!
    Deiner These nach wäre es ja eine gesellschaftliche Wohltat wenn jeder Bürger mit EUR 1 Mio. frei verfügbarem Einkommen sich eine Putzfrau anschafft. Findest du das nicht wieder zynisch? Ich schon.
    d. „Soziale Ausgrenzung“ – Die Markenklamotten sind sicherlich ein bekanntes Problem, aber keinesfalls ein abschließendes zur Beurteilung der sozialen Ausgrenzung von Armut. Aber wenn du deine Kinder nicht einmal mehr zu Klassenfahrten, Ausflügen etc. schicken kannst, ohne dass die Eltern der anderen Kinder für deine sammeln, dann bist du sozial ausgegrenzt. Und zwar richtig! Heutzutage hast du schon lange nicht mehr die gleichen Bildungs- und Entwicklungschancen, wenn du arm bist. Das belegen Statistiken bereits seit ungefähr 25 Jahren – nämlich seit der Wiedervereinigung, die gesellschaftliche Fehlentwicklungen noch einmal beschleunigt hat. Und wie du ja in deinem Blog immer wieder berichtest, ist Bildung das wichtigste Kapital eines Menschen, um sich zu entwickeln. Zu anderen Punkten wie Gesundheit und Ernährung habe ich ja bereits oben Stellung genommen.
    4. „subjektive Wahrnehmung“ – Ich habe aufgrund meiner beruflichen Tätigkeit nahezu unentwegt mit Reichen und Unternehmern zu tun. Tatsächlich würde es viele Menschen überraschen, wie viel diese Menschen bereit wären, unserer Gesellschaft zu geben, wenn man Ihnen nur angemessene Plattformen hierfür geben würde. Nicht umsonst spenden in den USA Milliardäre traditionell den größten Teil ihres Vermögens, ehe sie es vererben. Dort hat man halt aus der Not eine Tugend gemacht und erschafft sich seine eigenen Plattformen. Wenn du dir mal die öffentliche Diskussion zur Einführung einer Vermögenssteuer aus der Zeit der Jahrtausendwende noch einmal aus einer Leihbibliothek oder dem Internet besorgen kannst, solltest du dir diese mal genau anschauen. Dort wirst du feststellen, dass sich viele reiche Deutsche für eine solche Steuer ausgesprochen haben. Weil gerade diese Entscheider die großen gesellschaftlichen Missstände als Bedrohung des sozialen Friedens empfinden. Aber leider wird auch diesen Menschen das Denken abgenommen und für sie entschieden. Oder doch eher gegen Sie…?
    Die Geissens in diesem Artikel überhaupt zu erwähnen, ist endgültig bedenklich und wird von mir nicht weiter gewürdigt.
    5. Fazit – Die wirtschaftlichen Auswirkungen der bloßen Existenz der Reichen ist sicherlich gering. Sie sind sogar in einer sozialen Marktwirtschaft genauso notwendig wie Menschen, die in Armut leben. Bedenklich sollte uns aber stimmen, dass die Reichen nicht nur immer reicher, sondern die Armen auch immer ärmer werden. Mit deinem Artikel trägst du leider nicht zur Aufklärung sondern stattdessen zu totaler Verklärung und Schönfärberei bei. Mir scheint als sehntest du dich gerade so sehr danach reich zu werden, dass du jedes egozentrische Handeln gutheißen zu müssen glaubst.
    Ich habe deinen Blog bisher immer mal wieder gelesen. Aber wenn die Qualität deiner Artikel so bleibt, werde ich mich hier nicht mehr blicken lassen.
    Gib deinen Lesern doch lieber Entwicklungschancen! Du hättest doch die Möglichkeit, mehr für die zu schreiben, die keinen leichten Zugang zu Bildung haben oder zumindest ihr Potenzial nicht ermessen können. Diesen Lesern könntest du aufzeigen, welche Entwicklungsmöglichkeiten sie haben.

    Viele Grüße

    Oliver

    1. Hallo Oliver,
      Danke für Dein Feedback. Ich habe bereits damit gerechnet, dass es zu diesem Artikel Widerspruch gibt. Und das ist gut so. Schließlich ergibt sich dadurch ein Diskussionsfeld und jeder kann sich selbst ein Bild machen.

      Ich werde nicht auf jeden Punkt eingehen, aber nur so viel: wenn die Gehälter um 4% steigen, profitieren die Wohlhabenderen absolut gesehen mehr als die Armen. Das ist ein Grund für die Armutsschere und soweit auch absolut logisch.

      Du verkennst jedoch den eigentlichen Punkt meines Artikels (vielleicht habe ich es nicht klar rüber gebracht?): ja die Armutsschere gibt es und nein, sie ist nicht das Problem. Im Vergleich zu früher haben sich die Lebensbedingungen in allen Bevölkerungsschichten stark verbessert. Das heißt aber nicht, dass alles gut und gerecht ist.

      Sieht man von drastischen Maßnahmen wie der Umverteilung von Vermögen (würde nichts bringen) einmal ab, bleibt aus meiner Sicht nur die Bildung, vor allem die finanzielle.

      Du sagst, dass die Bildungschancen nicht gleich sind. Stimmt. Aber auch hier war es noch nie so einfach und günstig, Zugriff auf Wissen und Bildung zu erhalten wie heute, da es vieles kostenlos gibt. Der Zugang zu Internet wird in Deutschland immer günstiger und verbreiteter.

      Natürlich ist es „ungerecht“. Von Chancengleichheit kann keine Rede sein. Das Millionärssöhnchen kann vielleicht eine Elite-Uni besuchen. Andere können das nicht. Aber fast jeder hat heute die Chance, gemessen an seiner Ist-Situation eine Verbesserung herbeizuführen. Darum geht es mir in diesem Artikel.

      Bezüglich deines Vorwurfs, ich würde Meinungen als Fakten präsentieren: ich versuche eigentlich nicht zu verschleiern, dass alles was ich schreibe meine Erfahrungen und Meinungen sind. Wo das nicht so ist, mache ich dies durch Quellenangaben deutlich. Und selbstverständlich unterliegt meine Meinung einem Bias, der sich aus meinen Erfahrungen, meinem Umfeld und meinen Recherchen ergibt.

      Das Aufzeigen von Entwicklungsmöglichkeiten ist sicherlich ein wichtiger Teil meines Blogs, nicht aber dieses Artikels. Mir ging es zum Teil auch um die Provokation, was mir, wie mir scheint, ganz gut gelungen ist.

      Vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar, er hat mich sehr inspiriert. Ich freue mich auch weiterhin über ehrliche Kommentare.

      Viele Grüße
      der Finanzfisch

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