Es ist lange her, dass ich hier über einen Broker geschrieben habe. Aber was ich in den letzten drei Monaten mit Scalable Capital erlebt habe, muss ich mit euch teilen. Nicht als Wutausbruch, sondern als ehrlicher Erfahrungsbericht. Denn ich bin überzeugt, dass andere Privatanleger wissen sollten, worauf sie sich einlassen.
Kurz zusammengefasst: Seit dem 11. November 2025 war ich über zwei Monate von meinem Depot ausgesperrt, weil Scalable auf ein veraltetes SMS-Verfahren setzt. Der Support brauchte Wochen für einfachste Rückmeldungen. Erst eine BaFin-Beschwerde brachte Bewegung. Und als Dank dafür kündigte mir Scalable Capital die Geschäftsbeziehung. Ohne Angabe von Gründen.
Der Hintergrund: Scalable Capital und die Baader-Bank-Migration
Bevor ich in meine persönliche Geschichte einsteige, ein kurzer Kontext: Scalable Capital hat 2025 begonnen, alle Depots von der Baader Bank auf die eigene Plattform zu migrieren. Am Wochenende vom 6. bis 7. Dezember 2025 fand die große Umstellung statt. Medienberichten zufolge kam es im Zuge dieser Migration bei zahlreichen Kunden zu technischen Problemen, fehlerhaften Transaktionen und Schwierigkeiten beim Depotzugang. In Online-Foren und auf Bewertungsplattformen häufen sich entsprechende Berichte.
Ich selbst bin allen geforderten Maßnahmen im Rahmen der Baader-Migration nachgekommen. Trotzdem hat die Migration bei meinem Depot nicht funktioniert. Auf meine Rückfragen lieferte Scalable keine Erklärung, sondern sagte lediglich, man würde sich darum kümmern und sich mit weiteren Informationen bei mir melden. Das einzige, was dann tatsächlich kam, war die Kündigung.
Aber der Reihe nach.
Wie alles begann: 2FA-Probleme in Australien
Kurz bevor ich nach Australien geflogen bin, war ich noch auf Zypern. Dort hatte ich mein neues iPhone bei Scalable registriert und konnte mich problemlos einloggen. Alles lief reibungslos. Ich hatte Zugriff sowohl über mein altes als auch über mein neues iPhone und konnte mich auch im Webinterface anmelden. Keine Probleme, keine Fehlermeldungen.
In Australien änderte sich das schlagartig. Am 11. November 2025 akzeptierte Scalable plötzlich keines meiner beiden Geräte mehr als zweiten Faktor und forderte mich auf, mein Gerät neu zu verknüpfen. Dafür setzte Scalable auf das SMS-TAN-Verfahren. Und genau hier lag das Problem: Mein spanischer Mobilfunkanbieter (Lobster) hat mit keinem australischen Anbieter einen Roaming-Vertrag für Telefonie. SMS-Empfang war damit schlicht und ergreifend unmöglich.
Ich hatte weiterhin Zugriff auf meine E-Mail und auf beide iPhones. Den E-Mail-Code konnte ich problemlos empfangen und eingeben. Aber danach verlangte Scalable zwingend den SMS-Code. Und genau da war Schluss.
Das SMS-TAN-Verfahren: Veraltet und unsicher
An dieser Stelle muss ich etwas grundsätzlicher werden. Das SMS-TAN-Verfahren gilt in der IT-Sicherheit seit Jahren als veraltet und unsicher. SMS können abgefangen werden (Stichwort SIM-Swapping), sie funktionieren nicht zuverlässig international und sie sind komplett von der Netzabdeckung des Mobilfunkanbieters abhängig.
Moderne Alternativen wie App-basierte Authentifizierung (TOTP), Push-Benachrichtigungen oder Hardware-Keys sind längst Standard. Bei Banken wie bei Tech-Unternehmen. Dass ein Neobroker, der sich als technologisch fortschrittlich positioniert, im Jahr 2025 noch primär auf SMS setzt, ist für mich unbegreiflich.
Noch problematischer: Scalable erlaubt die 2FA-Verknüpfung laut eigener Aussage nur mit einem einzigen Gerät. Das erklärt aber nicht, warum auf Zypern noch alles funktionierte und in Australien plötzlich beide Geräte nicht mehr akzeptiert wurden. Was auch immer serverseitig passiert ist: Ich stand vor einem klassischen Catch-22. Ohne SMS keine 2FA, ohne 2FA kein Depotzugang, ohne Depotzugang keine Möglichkeit, die Telefonnummer zu ändern.
Wochenlange Funkstille beim Support
Am 12. November 2025 kontaktierte ich den Scalable-Kundenservice. Was folgte, war eine frustrierende Odyssee.
Am 14. November bestätigte Scalable den Eingang meiner Anfrage. Man bat um Geduld wegen erhöhtem Anfragevolumen.
Am 20. November schickte mir ein Mitarbeiter eine SMS zur Verifikation. Obwohl ich gerade erklärt hatte, dass ich keine SMS empfangen kann. Ich erklärte nochmals ausführlich die Situation, legte einen Screenshot meines Mobilfunkanbieters bei und bot alternative Verifizierungsmethoden an: Video-Ident, Video-Call, eine australische Telefonnummer, eine deutsche Festnetznummer.
Am 21. November bot ich erneut aktiv Alternativen an.
Am 27. November kam dann endlich eine Lösung: ein PostIdent-Verfahren über die Deutsche Post. Ich erledigte es so schnell wie möglich.
Am 29. November schloss ich das PostIdent erfolgreich ab und bestätigte sofort per E-Mail.
Dann: Stille.
Am 6. Dezember fragte ich nach dem Status. Am 11. Dezember fragte ich erneut. Mittlerweile über einen Monat ohne Zugang. Am 19. Dezember wieder. Keine Antwort.
Zwischen dem 29. November und dem 6. Januar passierte nichts. Über fünf Wochen ohne Reaktion, obwohl das PostIdent längst abgeschlossen war. Scalable räumte im Nachhinein selbst ein, dass die Bearbeitung in diesem Zeitraum verzögert war und die Kommunikation den eigenen Qualitätsansprüchen nicht entsprach.
Die formelle Beschwerde und der Weg zur BaFin
Am 23. Dezember 2025 reichte ich eine formelle Beschwerde bei Scalable Capital ein und kündigte an, die BaFin einzuschalten.
Am 6. Januar 2026, fast zwei Monate nach dem ersten Kontakt, reichte ich offiziell Beschwerde bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) ein.
Und plötzlich ging alles ganz schnell: Am selben Tag wurde die 2FA für 60 Tage deaktiviert und ich hatte endlich wieder Zugang zu meinem Depot.
Es brauchte also eine BaFin-Beschwerde, damit ein einfaches technisches Problem gelöst wurde. Ein Problem, das bei professionellem Kundenservice in wenigen Tagen hätte erledigt sein können.
Scalable reagiert: Kulanzangebot und Kündigung in einem
Am 2. Februar 2026 erhielt ich die Stellungnahme von Scalable Capital zu meiner BaFin-Beschwerde. Darin räumte Scalable ein, dass sich die Bearbeitung verzögert hatte und die Kommunikation den eigenen Qualitätsansprüchen nicht entsprach.
Als Entschädigung bot man mir 12 Freimonate für das Broker-Modell PRIME+ Broker an.
Am selben Tag folgte dann in einer separaten E-Mail der eigentliche Schock: Scalable Capital teilte mir mit, dass man die Geschäftsbeziehung mit mir ordentlich zum 2. April 2026 kündigt. Gemäß den AGB könne Scalable die Geschäftsverbindung unter Einhaltung einer Frist von zwei Monaten ohne Angabe von Gründen kündigen.
Man betonte, dass die Kündigung nicht im Zusammenhang mit meiner Beschwerde stehe und das Ergebnis eines „umfangreichen und differenzierten Entscheidungsprozesses“ sei. Die zeitliche Überschneidung mit der BaFin-Beschwerde sei „bedauerlich“.
Auf meine Rückfrage nach den Gründen antwortete Scalable, dass die Nennung eines Grundes bei einer ordentlichen Kündigung nicht verpflichtend sei und man sich daher entschieden habe, darauf zu verzichten.
12 Monate PRIME+ anbieten und gleichzeitig das Konto kündigen. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.
Was hier grundlegend falsch läuft
Ich möchte die Fakten für sich sprechen lassen.
Erstens: Ein veraltetes Sicherheitsverfahren. Scalable setzt auf SMS-TAN, obwohl modernere und sicherere Alternativen längst verfügbar und in der Branche Standard sind. Für Kunden, die international unterwegs sind (also genau die Zielgruppe eines digitalen Neobrokers), ist das ein echtes Problem.
Zweitens: Ein Support, der wochenlang nicht reagiert. Über fünf Wochen nach einem erfolgreich abgeschlossenen PostIdent-Verfahren keinerlei Rückmeldung. Mehrfache Nachfragen blieben unbeantwortet.
Drittens: Erst die BaFin bringt Bewegung. Ein technisches Problem, das in Tagen lösbar gewesen wäre, brauchte fast zwei Monate und die Einschaltung einer Bundesbehörde.
Viertens: Eine Kündigung ohne Begründung. Kurz nach der BaFin-Beschwerde kündigt Scalable die Geschäftsbeziehung. Angeblich ohne Zusammenhang. Das mag vertraglich zulässig sein, hinterlässt aber einen bitteren Beigeschmack.
Fünftens: Die gescheiterte Migration. Trotz meiner vollständigen Kooperation bei der Baader-Bank-Migration klappte der Übergang bei meinem Depot nicht. Eine Erklärung dafür blieb Scalable schuldig.
Der Depotübertrag
Ich habe mittlerweile den Übertrag meiner Wertpapiere zu CapTrader (Interactive Brokers) eingeleitet. Laut Scalable kann ein Depotübertrag „mehrere Wochen“ dauern. Angesichts der Kündigungsfrist bis zum 2. April 2026 bleibt zu hoffen, dass dieser Zeitraum ausreicht.
Auch hier zeigt sich ein breiteres Problem: In Online-Foren berichten Kunden im Zusammenhang mit der Baader-Bank-Migration von Schwierigkeiten bei Depotüberträgen, die sich teilweise über Monate hinziehen.
Die Sahne auf der Torte: Kommentarlose Liquidation meiner Crypto-Positionen
Mein Crypto-Depot hat Scalable übrigens ohne Vorwarnung oder irgendeinen Hinweis liquidiert. Ich habe mich lediglich über das Cash auf meinem Verrechnungskonto gewundert, nur um dann feststellen zu müssen, dass man meine Crypto-Positionen einfach verkauft und hierbei nochmal Gebühren kassiert hat.
Ich weiß nicht, was gerade bei Scalable los ist. Als wäre es nicht schon schlimm genug, einen Vertrag mit einem langfristigen Kunden kommentarlos zu kündigen (von den ganzen anderen Problemen einmal abgesehen), liquidiert man vor Vertragsende und ohne irgendeine Vorwarnung einfach Positionen? Scalable verwaltet hier anscheinend in Wild-West-Manier über die Vermögen ihrer Kunden. Ein deutliches Warnsignal.
Mein Fazit
Ich war jahrelang Kunde bei Scalable Capital und hatte bis zu diesem Vorfall keine größeren Probleme. Umso enttäuschender ist es, wie mit mir als Kunden umgegangen wurde. Und ich bin bei weitem nicht der einzige, dem es so geht.
Für mich persönlich ist das Kapitel Scalable Capital abgeschlossen. Ich werde meine Wertpapiere zu einem Broker übertragen, der technisch auf dem Stand der Zeit ist und seinen Kunden auch dann zur Seite steht, wenn es mal komplizierter wird.
Wenn du selbst bei Scalable Capital bist und überlegst, ob der Broker der richtige für dich ist, dann hoffe ich, dass dir dieser Erfahrungsbericht bei deiner Entscheidung hilft. Und wenn du ähnliche Erfahrungen gemacht hast, schreib mir gerne. Es scheint, als wäre ich damit nicht allein.
Danke, dass du bis hierhin gelesen hast.
Tobi
Disclaimer: Dieser Artikel gibt meine persönliche Erfahrung wieder. Alle geschilderten Fakten basieren auf meiner dokumentierten E-Mail-Korrespondenz mit Scalable Capital. Scalable Capital ist ein von der BaFin reguliertes Kreditinstitut. Dieser Artikel stellt keine Anlageberatung dar.



