(Hör)buch Rezension: Schnelles Denken, langsames Denken

Heute möchte ich Dir meine persönliche Einschätzung des Buches „Schnelles Denken, langsames Denken“ von Daniel Kahneman liefern. Ich habe dieses Buch als Hörbuch bei Audible gehört. Daher wird sich meine Rezension neben dem Inhalt auch auf den Sprecher beziehen.

Warnung: Das Hörbuch ist lang. Sehr lang. Ich habe bereits über den Jahreswechsel in Südafrika (Mein Reisebericht bei freaky finance) angefangen, es zu hören. Da ich es immer nur nebenbei auf dem Weg zur Arbeit, beim Abwaschen oder ähnlichem gehört habe, habe ich ganze sieben Monate gebraucht, um es vollständig zu hören. Die reine Spieldauer sind nur 20 Stunden und 47 Minuten.

Worum geht es?

In diesem Werk geht es darum, wie Menschen Entscheidungen treffen und warum diese häufig suboptimal sind. Außerdem erfährt man, wie man Entscheidungsprobleme so formulieren kann, dass eher zu Gunsten der einen oder anderen Wahl entschieden wird.

Es handelt sich also um einen tiefen Einblick in die menschliche Psyche. Das ist für sich alleine schon ziemlich spannend, aber es werden auch immer Bezüge zum Thema Finanzen und Börse geliefert, die zu erklären versuchen, wieso wir Menschen häufig finanziell dumme Entscheidungen treffen.

Meine Bewertung in Kurzform

Inhaltlich ist das Buch eine Goldgrube. Viele Phänomene und Effekte kennt man vielleicht schon oder sie sind einem, wenn man darüber nachdenkt, intuitiv klar. Aber ich habe trotzdem einiges gelernt. Es lohnt sich also, dieses Buch zu lesen oder zu hören.

Allerdings: Das Buch bzw. das Hörbuch ist sehr langatmig. Viele Themen wiederholen sich mehrfach in ähnlicher Form und werden sehr gründlich abgehandelt. Ich schätze, man hätte das Hörbuch auch auf 10 Stunden komprimieren können, ohne einen nennenswerten Informationsverlust.

Der Inhalt, die Langform

In dem Buch schreibt Daniel Kahneman über seine und Amos Tverskys Forschungen und deren Ergebnisse zum Thema kognitive Verzerrungen. Er schreibt dabei, dass der Denkprozess auf zwei unterschiedliche Systeme aufgeteilt werden kann:

In System 1, das sehr schnell und auf Basis von Instinkten und Emotionen entschieden kann, das Reptiliengehirn sozusagen. Und in System 2, das zwar langsam arbeitet, aber dafür versucht, Entscheidungen mittels Logik zu lösen. Laut Kahneman kommt System 1 sehr viel häufiger zum Einsatz, weil wir zum einen viele Entscheidungen schnell treffen müssen und es darüber hinaus sehr viel bequemer ist. Die Nutzung von System 2 ist hingegen sehr anstrengend und erschöpfend. Daher wird System 2 nur sehr selten und sparsam eingesetzt.

Kahneman hat hierzu eine ganze Reihe von Experimenten und Beobachtungen durchgeführt und beschreibt in seinem Buch unter anderem Effekte wie den Halo-Effekt, also die Tatsache, dass man automatisch von bekannten Informationen unbekannte Informationen schlussfolgert.

Auch eine Reihe von Heuristiken, wie z.B. die Ankerheuristik, die auch schon im Buch „Deal! Du gibst mir, was ich will!*“ von Jack Nasher eine große Rolle spielt, werden ausführlich beschrieben und mit Beispielen belegt.

Es ist sehr spannend, vorgeführt zu bekommen, wie leicht wir uns beim Treffen von Entscheidungen aufs Glatteis führen lassen. So ersetzt unser Gehirn unlösbare Fragestellungen oft automatisch durch ähnliche aber einfachere Probleme und kommt daher häufig zu falschen Ergebnissen.

Die Beispiele sind im Buch so formuliert, dass man selber überlegen kann, wie man entscheiden würde, was ich sehr gelungen finde.

Zum Hörbuch

Es ist schwierig zu sagen, ob es am Sprecher oder an der Ausführlichkeit einiger Passagen lag:

Mir ist es häufig passiert, dass meine Gedanken beim Hören des Hörbuchs abgeschweift sind. Das war aber meistens nicht wirklich schlimm, da auch nach einigen Minuten noch das gleiche Thema behandelt wurde. Und wenn doch, konnte ich zurück spulen.

Das ist auch einer der Gründe, wieso ich denke, dass man das Hörbuch etwas hätte kürzen können.

Fazit

„Schnelles Denken, langsames Denken“ ist ein sehr interessantes Buch aus dem man viel lernen kann. Auch wenn es viel Zeit gekostet hat, es komplett durchzuhören, hat es sich für mich gelohnt.

Hast Du das Buch gelesen oder gehört? Kannst Du ähnliche Bücher empfehlen?

7 Comments

  1. Hallo Tobias,

    Das Buch hatte mich bisher nicht so gereizt. Nach deiner Rezension denke ich, dass es doch interessant sein könnte.

    An der Uni habe ich viele Erkenntnise von Kahnemann und Tversky schon kennengelernt. Und Teile des Buches von Jack Nasher habe ich auch gelesen.

    Viele Grüße und danke für deine Buchrezension.

    Tanja

    1. Hallo Tanja,
      freut mich, dass ich Dir vielleicht einen neuen Anreiz geben konnte. Ich habe auch eine Weile gebraucht, mir das Hörbuch anzuhören, aber es nicht bereut. Im Nachhinein merke ich, dass ich viele zwischenmenschliche Interaktionen im Alltag mit anderen Augen betrachte und Mitmenschen dadurch oft besser verstehe. 🙂

      Wie hat Dir das Buch von Jack Nasher gefallen?

      Viele Grüße
      Tobias

  2. Hallo Tobias

    Ich habe auch Kahnemans Buch gelesen. Ich gebe Dir recht, es ist recht langatmig und man hätte die Schlüsselthesen auch in einem Drittel der Seiten darstellen können. Da ich es auf Englisch gelesen habe, war es für mich aber ganz gut, dass sich etliches wiederholt hat. Kahnemann geht sehr ausgiebig auf die Asymmetrie von Gewinn und Verlust ein mit vielen Experimenten. Ich glaube fast alle, die mit Aktien gehandelt haben, kennen das ungute Gefühl, wenn ein Posten mit Verlust im Depot steht. Weil die Psyche das nicht mag, wird häufig daran festgehalten und Argumente gesucht, das sich die Position doch wieder erholen wird. So lügt man sich bis nahe Totalverlust in die Tasche. Manche kaufen sogar noch nach, damit der prozentuale Verlust kleiner wird, also der Verlust für die Psyche kleiner wird. Ging mir lange auch so, inzwischen verkaufe ich eher die Positionen, die im Minus sind und investiere auch mehr in ETFs, wo das Aussitzen mehr Sinn macht als bei Nebenwerten, die auch auf Null gehen können.
    Ein anderes Beispiel von Verlustaversion ist die Liebe vieler zu Versicherungen. Der Gedanke, keinen Verlust erleiden zu müssen täuscht die Leute darüber hinweg, dass sie mit jeder Jahresrechnung Verlust machen.

    Bei dem Beispiel mit dem „the ball and the bat“ Experiment, ist mein Hirn intuitiv auch auf die falsche Preisverteilung für den Baseball und den Schläger gekommen, obwohl ich mich in Alltagsmathematik recht fit fühle und auch in meinem naturwissenschaftlichen Beruf öfters mal eine ganz gute Durchrechnung eines Problems im Kopf hinbekomme.
    Für eine gute Ergänzung zu den Thesen von Kahneman halte ich die Bücher von Gerd Gigerenzer (z.B. Bauchentscheidungen oder Risiko) und von Nassim Taleb (Narren des Zufalls oder Antifragilität). Taleb schreibt aber fast noch langatmiger als Kahneman.

    Jack Nasher kenne ich noch nicht, werde ich mir mal aus der stuff cloud holen. Hab also wieder was gelernt. Danke für die Rezension und Kommentare.

    Viele Grüße

    Julian

    1. Hallo Julian,
      danke für die Buchtipps. Von Gerd Gigerenzer habe ich auch ein paar Bücher auf meiner Leseliste stehen. Nassim Taleb habe ich bis jetzt noch nicht gelesen. Werde ich mir bei Gelegenheit wohl auch mal „antun“. 😉

      Beste Grüße
      Tobias

  3. Pingback: Wie uns unser Gehirn um ein Vermögen bringt – Der Finanzfisch

  4. Hallo Tobias,

    also ich habe das Buch gelesen und fand es ehrlich gesagt extrem anstrengend. Der Inhalt war zwar insgesamt gesehen interessant, aber die Schrift war so klein und man dachte wirklich des öfteren ‚Junge, komm mal auf den Punkt‘.

    Einige Leute empfehlen ja, dieses Buch zusammen mit Nassim Taleb‘ Schwarzem Schwan zu lesen, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich mir das antun werde…

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