So ändert die digitale Transformation die Sicht auf das Geld (Gastartikel)

Was ist Geld? Die Sicht auf das Geld ist genauso gesellschaftlich geprägt wie die Sicht auf Arbeiten, Lernen oder Spielen. Gegenwärtig befinden wir uns im Übergang von der industriellen Gesellschaft zur digital geprägten Kultur. Das verändert unsere Perspektive fundamental – unter anderem die Sicht auf das Geld. Was wir zweihundert Jahre lang als selbstverständlich hielten, wankt und macht neuen Glaubenssätzen und Weltbildern Platz.

Sicht auf das Geld in der industrialisierten Gesellschaft

Im Zentrum der industrialisierten Gesellschaft stand ein Glaubenssatz: Wir müssen Geld verdienen, um unsere Existenz zu sichern. Der Arbeitgeber bestimmte, was die Arbeitenden tun sollen und diese gaben sich Mühe, diese Leistungserwartungen zu erfüllen. Würden die Erwartungen nicht erfüllt werden, wäre die Anstellung in Gefahr und somit auch der Lohn Ende Monat.

Geld war Belohnung für die geleistete Arbeit, für die erfüllte Leistungserwartung. Stimmst du dem zu?

Obiger Glaubenssatz zieht weitere Glaubenssätze nach sich. „Geld ist existenziell“ lässt sich unmittelbar ableiten. Wer kein oder zu wenig Geld besitzt, ist gefährdet, lebt unsicher. „Geld ist Sicherheit“, ist folglich der nächste Glaubenssatz.

Wer reichlich Geld besitzt, kann sich die Freiheit erkaufen, weniger Anforderungen von Vorgesetzten erfüllen zu müssen. Mit einem gut gefüllten Bankkonto lässt sich eine eigene Firma aufbauen, das Arbeitspensum reduzieren oder vielleicht gar das Leben auf den Bahamas oder sonstwo geniessen. „Geld ist Freiheit“ lautet somit ein weiterer Glaubenssatz.

Die Anzahl Arbeitsplätze waren beschränkt. Arbeitslosigkeit war eine Nebenwirkung der Industrialisierung. Das erlaubte auch, Arbeit gegen minimale Löhne zu vergeben, da andere darauf warteten, selbst solche Jobs zu übernehmen. Die Gesellschaft driftete auseinander: Einige verdienten viel Geld und führten ein Leben in Saus und Braus, während andere kaum Geld für das Notwendigste hatten. Wer kein oder wenig Geld hatte, sehnte sich nach Geld. Dies führte zum Glaubenssatz „Geld macht glücklich“.

Dreiste Lügen über das Geld

Peter König ist Experte für die Beziehung zum Geld. Er hat das Buch „30 dreiste Lügen über Geld“ geschrieben. Genau oben genannte und weitere Glaubenssätze bezeichnet König als Lügen.

Das irritiert.

Irgendwie klangen die Glaubenssätze doch alle vernünftig und logisch, oder?

Ja, unter den Gegebenheiten der industrialisierten Gesellschaft, die nun am Wanken ist. Es dürfte deshalb kein Zufall sein, dass König sich gerade im Übergang mit diesem Thema beschäftigt.

Macht Geld glücklich oder unglücklich?

Geld macht gar nichts. Nur unsere Haltung zu Geld macht etwas.

Die beiden US-amerikanischen Psychologie-Professoren Edward Deci und Richard Ryan unterscheiden mehrere Motivationsarten und listen sie auf einer Skala von fremdbestimmt zu selbstbestimmt. Belohnung ist die fremdbestimmteste Motivationsart. Etwas einfach aus Freude zu tun ist die einzige, die wirklich selbstbestimmt ist. Weitere Motivationsarten sind Status und Sinn.

Wo liegt das Glück? Richtig. Wenn du das tun kannst, was deinem Innersten entspringt, fühlst du dich erfüllt. Dann passt innerer Antrieb – also Wunsch – mit der Realität überein.

Springst du aber Belohnungen nach, entfernst du dich von dir selbst. Die wohl häufigste Belohnung ist der Lohn. Du wirst dafür bezahlt für eine Tätigkeit, die andere definiert haben. In diesem Fall erfüllst du Erwartungen von Dritten statt deiner eigenen. Was du tun möchtest, ist nicht das, was du tust. Es entsteht eine Kluft, eine innere Leere in dir. Das fühlt sich nicht so prickelnd an und treibt dich an, noch mehr Belohnung in Form von Geld anzustreben, damit du die innere Leere durch allerlei Konsum zumindest kurzfristig füllen kannst: Netflix, das neueste Game, ein Trip in den Süden, was auch immer.

Ein klassischer Teufelskreis.

So ändert die digitale Transformation die Sicht auf das Geld

In diesem Artikel gehe ich ausführlich auf die Auswirkungen der digitalen Transformation auf die Gesellschaft ein. Eine wesentliche Stossrichtung ist, dass immer mehr Routinetätigkeiten von Algorithmen übernommen werden. Routinetätigkeiten sind Aktivitäten, die stark repetitiv sind und somit leicht einem Algorithmus beigebracht werden können. Solche Tätigkeiten sind oft nicht sehr beliebt und werden nur gegen Lohn erledigt. Klassische Lohnarbeit. Um solche Tätigkeiten verrichten zu können, sind vor allem Zuverlässigkeit, Disziplin und Fleiss gefragt.

Neu entstehende Jobs verlangen hingegen meist nach hoher Kreativität, nach Problemlösefähigkeit und nach Sozialkompetenz. Fähigkeiten, die der Computer nicht hat.

Wie ändert das die Sicht auf das Geld?

Funktion des Geldes

Bei der industriellen Lohnarbeit war Geld die Belohnung für die geleistete Arbeit, die erfüllte Leistungsanforderung. Diese Belohnung wollten Arbeitnehmende haben. Sie war das Ziel ihrer Begierde. Sie war der Grund, weshalb sie arbeiteten. Denn vielfach bereitete die Arbeit wenig Freude, besonders die stark repetitiven Routinetätigkeiten.

Und genau das ist im digital geprägten 21. Jahrhundert deutlich leichter möglich.

Es stehen nicht mehr Routinetätigkeiten im Vordergrund, die nach Lohnarbeit verlangten. Sondern anspruchsvolle Tätigkeiten, bei denen es darum geht, kreativ Probleme zu lösen. Solche Tätigkeiten sind deutlich spielerischer.

Wie wärs also, auf der anderen Seite der Motivationsskala zu starten? Die Dinge zu tun, die wirklich Freude bereiten? Und sich dann erst in einem zweiten Schritt zu fragen, wie damit Geld verdient werden kann?

Dieser Schritt ist es, der in der industrialisierten Zeit so schwierig war. Es gab immer Künstlerinnen und Künstler, die auf ihr Herz gehört haben und nicht auf Anforderungen von Dritten. Doch Geld mit ihrer Leidenschaft zu verdienen war aus einem Grund sehr anspruchsvoll: Die Kundschaft war meist auf die Wohnregion limitiert. Durch das Internet wird die Welt zum Dorf, die ganze Sprachregion zum potenziellen Einzugsgebiet. Dadurch lässt es sich viel leichter in jener Nische positionieren, die perfekt zur Einzigartigkeit eines Individuums passt.

Was ist Geld neu? Ein neutrales Etwas, was den Umtausch von Leidenschaft zu Brot auf dem Teller etwas erleichtert.

Oder in Peter Königs Worten: Geld ist das, was wir darauf projizieren.

Geld aus Leidenschaft

Doch Vorsicht, die Beschäftigung mit Geld ist noch kein Hinweis, dass die Leidenschaft nicht gelebt wird. Auch hier gilt: Du kannst dich aus verschiedenen Motivationen mit Geld beschäftigen. Die Motivation bestimmt deinen Bezug zu Geld:

Motivation

Zweck des Geldes

Folge

Belohnung

Geld als Lohn

Abhängigkeit von Geld, innere Leere

Status

Geld als Statussymbol

Abhängigkeit von Geld, innere Leere

Sinn

Geld als Freiraum, Gutes zu tun

Abhängigkeit von Geld, Gutes Gefühl des Helfens

Spass

Geld als Faszination/Leidenschaft

Freiheit, Erfüllung

Geld kann also Belohnung, Statussymbol, Freiraum oder Leidenschaft sein. Ist es deine Leidenschaft? Fasziniert dich das Wesen des Geldes? Dann steht nicht im Fokus, Geld zu verdienen. Die Aufmerksamkeit ist auf Geld als Thema gerichtet, oder auf Geld als Spielobjekt. Denn Geld eignet sich prima zum Spielen. Gerade weil Geld für viele einen Wert hat, kann es unheimlich Spass bereiten, mit Geld zu spekulieren oder Geld zu investieren.

Sobald ein Druck da ist, durch Spekulation oder Investitionen Geld zu verdienen, ist der Spass vorbei. Dann steht wieder die Belohnung im Vordergrund.

Es gilt immer: Energy flows where the Attention goes – die Energie folgt immer der Leidenschaft. 

Wohin geht deine Aufmerksamkeit? Zur Belohnung? Zum Status? Zum Sinn? Oder zur Leidenschaft?

Über den Autor

Nando Stöcklin studierte Ethnologie und doktorierte in Pädagogik. Beruflich beschäftigte er sich als Forschungsmitarbeiter mit den Auswirkungen der digitalen Transformation auf das Bildungswesen und als Folge mit Spielen. Seither versucht er die Vorzüge vom Spiel konsequent für ein selbstbestimmtes, erfülltes Leben zu nutzen und die unnötigen Kluften zwischen Spielen, Arbeiten und Lernen zu überwinden. Seine Kinder sind ihm grosse Vorbilder und weisen ihm den Weg.

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