Wie ich Aktien bewerte (Stand September 2017)

Eigentlich wollte ich in meinem Artikel über den McCormick-Aktienkauf nur kurz darauf eingehen, wie ich aktuell bei der Aktienbewertung vorgehe, aber der Abschnitt ist so lang geworden, dass ich daraus doch einen eigenen Artikel mache.

Ich sage aktuell, weil sich das natürlich mit zunehmender Erfahrung und Präferenz ändern wird. Aktuell suche ich eher nach soliden Unternehmen für die Grundlage meines Aktienporfolios. Gerne langweilig, gerne mit einer schönen Dividendenrendite.

Solche Unternehmen wird man wahrscheinlich naturgemäß anders bewerten als die nächsten Snaps, Teslas, Amazons und Co.

Wie ich potentielle Unternehmen finde

Bevor man ein Unternehmen bewertet, muss man offensichtlich erst mal wissen, dass es existiert. Derzeit greife ich dafür weniger auf traditionelle Stock-Screener zurück, sondern schaue einfach, über welche Aktien ich so stolpere.

Manchmal frage ich mich für ein Produkt: Wer steckt eigentlich dahinter?

Alternativ schaue ich auch gelegentlich in Magazinen wie dem Anlegermagazin nach, welche Unternehmen da gerade aktuell sind. Dabei interessiere ich mich in der Regel aber nicht für das Unternehmen mit der jeweiligen Titelstory, sondern schaue mir auf finanzen.net, die Vergleichsseite an. Dort findet man meistens ein paar ähnliche Unternehmen, über die gerade (fast) niemand spricht.

Manchmal stöbere ich aber auch im Aktienfinder nach Aktien in der präferierten Branche.

Interessante Aktien kommen dann auf meine Watchlist, die ich gegenwärtig bei Finanzen100 verwalte. Dort warten sie dann, bis ich Zeit, Lust oder Notwendigkeit habe, mir die Aktien genauer anzusehen.

Die Werkzeuge zur Aktienbewertung

Mittlerweile gehe ich für langweiligere Unternehmen immer sehr ähnlich vor und nutze auch die gleichen Tools:

Aus diesen Quellen erhalte ich eigentlich alle Informationen, die ich für eine Entscheidung benötige.

Ablauf der Aktienbewertung

Schritt 1: Was verbirgt sich hinter dem Namen?

Zunächst schaue ich kurz bei Wikipedia, Google oder auf Finanzen.net, in welcher Branche sich das Unternehmen einordnen lässt und womit es so ungefähr Geld verdient.

Wenn das für mich passt, geht es weiter mit Schritt 2.

Schritt 2: Kennzahlen im Schnelldurchlauf

Jetzt weiß ich schon mal, welche Art von Unternehmen ich vor mir habe. Mit diesem Kontext kann ich nun kurz ein paar Kennzahlen überfliegen um mir ein grobes Bild über die finanzielle Situation zu verschaffen.

Dazu werfe ich gerne einen Blick auf die Fundamentalanalyse bei finanzen.net. Hier sehe ich auf einen Blick, wie hoch die Dividendenrendite ist und wieviel Gewinn ausgeschüttet wird. Außerdem sehe ich ob die Aktie, gemessen am Verhältnis aus Wachstum und KGV eher teuer oder günstig ist.

Danach geht es weiter in den Bereich Bilanz/GuV bei finanzen.net. Hier achte ich besonders auf die aktuelle Eigenkapitalquote und den Trend bei Gewinn und Mitarbeitern. Die Gründe für diese Selektion sind folgende:

  • Es ist mir sehr wichtig, dass das Unternehmen eine Eigenkapitalquote von circa 20% oder mehr hat. Ich möchte einfach kein hochverschuldetes Unternehmen haben.
  • Ein negativer Gewinntrend über mehrere Jahre könnte darauf hindeuten, dass das Geschäftsmodell nicht mehr funktioniert. Also ist hier Vorsicht geboten.
  • Stellenabbau kann ebenfalls ein Zeichen für Schwierigkeiten sein. Muss aber nicht.

Bei allen drei Zahlen gilt für mich, dass sie nicht sofort zum Abbruch führen, aber ich versuche die Ursache beim lesen der Präsentationen und/oder Geschäftsberichte zu finden (das aber erst später).

Nachdem ich mir einen ganz groben Überblick über die Zahlen verschafft habe, schaue ich mir das Unternehmen auch im Aktienfinder nochmal an, sofern es dort vorhanden ist.

Dort achte ich vor allem darauf, seit wie vielen Jahren das Unternehmen eine stabile oder steigende Dividende ausschüttet und ob es in der Vergangenheit stärkere Einbrüche bei Dividende oder Gewinn gab. Dank der tollen Grafiken kann man eigentlich in Sekunden erfassen, wie es um Dividende, Gewinn und das Verhältnis dazwischen bestellt ist. Und zwar nicht nur In der Gegenwart, sondern auch in den letzten Jahren.

Jetzt habe ich einen ungefähren Eindruck von den Zahlen rund um das Unternehmen. Die könnte ich natürlich auch in erster Linie aus dem Geschäftsbericht ziehen, aber finanzen.net und aktienfinder.net haben den Vorteil, dass sie die Zahlen immer gleich und in ansprechender Form darstellen. Damit geht es einfach viel viel schneller.

Schritt 3: Wie präsentiert sich das Unternehmen?

Danach geht es auf die Unternehmensseite, die ich ganz subjektiv danach bewertet, ob sie zeitgemäß ist, schnell lädt und mir die Informationen zu Produkten, Marken und dem Unternehmen übersichtlich zur Verfügung stellt. Von dort sollte es auch zu einer Investor Relations Seite gehen. Wenn nicht, breche ich ab.

Auf der Investor Relations Seite schaue ich vor allem, ob es die Folien der letzten Quartals- bzw. Jahreszahlen-Präsentation als PDF gibt. Die Präsentationen schaue ich mir dann aufmerksam an und achte dabei auf Grafiken bezüglich geografischer und demographischer Diversifikation des Unternehmens. Auf deutsch: Ich will wissen, in welchen Ländern und durch welche Zielgruppe die Gewinne zustande kommen.

Außerdem möchte ich wissen, durch welches Segment, welche Marke und/oder welches Produkt welcher Anteil des Gewinns entsteht. Optimal ist es natürlich, wenn der Großteil des Erfolgs nicht nur aus einem Land oder durch ein Produkt zu Stande kommt.

Übrigens ist es mir relativ wichtig, dass auch die Präsentation einen professionellen Eindruck macht und nicht einfach nur Zahlen tabellarisch abgedruckt sind. Dinge, die man einfach darstellen kann, sollten in so einer Präsentation auch einfach und leicht verständlich dargestellt sein.

Idealer Weise kenne ich nach dem lesen der Präsentation auch schon die Chancen und Risiken und habe zudem einen Eindruck, wer die Kunden und Mitbewerber sind. Ansonsten steige ich, sofern ich nicht durch irgendetwas abgeschreckt wurde, ab in den Geschäftsbericht und suche mir die Antworten dort. Meistens habe ich aber nach den Präsentationen schon einen für mich ausreichenden Eindruck vom Unternehmen gewonnen, um eine Entscheidungstendenz zu haben.

Schritt 4: Was sagt die Gerüchteküche?

Last but not least schau ich noch kurz auf Google, wieviel News-Aktivität es in der letzten Zeit um das jeweilige Unternehmen gab und ob da irgendetwas überraschendes dabei ist (Stichwort: Gewinnwarnungen und Skandale).

Hierbei gebe ich nichts auf Aktienanalysen von Börsenmagazinen. Mir ist es relativ egal, wieviele Analysten irgendwelche Short- oder Long-Signale erkannt haben wollen. Aber ich möchte wissen, ob es irgendwelche Nachrichten gibt, die die Einschätzung aus dem Geschäftsbericht oder den Präsentationen zu Nichte machen könnten.

Außerdem ist ein hohes Nachrichtenaufkommen für mich ein Indikator, eher von dieser Aktie abstand zu nehmen, bis sie wieder in Vergessenheit geraten ist.

Die Entscheidung

Nachdem ich diesen vierstufigen Prozess durchlaufen habe, habe ich meistens entweder ein gutes oder ein schlechtes Gefühl bezüglich des Unternehmens.

Wenn der Eindruck eher negativ ist, weil mir entweder die Zahlen, die Unternehmensführung oder die Produkte nicht gefallen, kaufe ich natürlich nicht.

Wenn ich einen positiven Eindruck von dem Unternehmen habe aber jetzt noch nicht kaufen möchte (entweder, weil mir das Unternehmen zu teuer wirkt oder ich gerade nicht genug Geld habe), kommt es auf eine Watchlist Engere Auswahl, meinen Einkaufszettel, sozusagen. Manchmal stelle ich dann auch weitere Recherchen an, um mir noch sicherer zu werden (meistens bringt das nix).

Wenn der Eindruck sehr positiv ist und ich kaufwillig bin, dann kaufe ich.

Wenn der Eindruck sehr negativ ist weil mir das Unternehmen nicht gefällt, dann lösche ich es von meiner Watchlist.

Fazit

Dieser Entscheidungsprozess hat sich seit einigen Aktienkäufen herauskristallisiert. Er hat sich gewissermaßen eingeschlichen. Der Zeitaufwand hält sich hierfür wirklich in Grenzen. Je nach dem wie gut die Seite des Unternehmens ist, kann ich nach ca. 30 Minuten eine Entscheidung treffen, mit der ich mich wohl fühle.

Mir ist bewusst, dass ich in hohem Maße subjektiv vorgehe. Zwar schaue ich schon auf die Kennzahlen und würde keine Aktie kaufen, bei der die Zahlen nicht stimmen, aber letztendlich steht und fällt alles damit, ob ich einen positiven Eindruck vom Unternehmen habe:

  • Klingt das Geschäftskonzept plausibel?
  • Kann ich die Managemententscheidungen nachvollziehen?
  • Verstehe ich das Produkt und gefällt es mir?
  • Ist mir das Management sympathisch?
  • Gefällt mir die Aufmachung der Webseite und der Präsentationen?
  • Scheint das Unternehmen seine Aktionäre wert zu schätzen?

Allerdings ist es gerade diese Subjektivität, die mir ein gutes Gefühl verschafft und mich ruhig schlafen lässt. Außerdem erinnere ich mich auch nach Monaten noch was die subjektiven Gründe für einen Kauf waren, wohingegen ich das genau Zahlenwerk bereits nach Tagen vergessen habe.

Bei der Menge an verfügbaren Zahlen ist es zudem (jedenfalls für mich) recht schwierig, Unternehmen nur aus Basis der Zahlen zu bewerten. Ich brauche eine Story und die muss zu den Zahlen passen. Erst dann macht ein Unternehmen für mich einen soliden Eindruck.

Und wie gehst Du vor? Worauf legst Du besonderen Wert, wenn Du dich für eine Aktie bzw. ein Unternehmen entscheidest?

4 Comments

  1. Interessante Vorgehensweise und sicher nicht die Schlechteste Ich nutze zur Aktienanalyse die Seiten ariva und morningstar. Zuerst werden die Fakten der letzten 10 Jahre gecheckt: Eigenkapitalquote, Mitarbeitertrend, Aktienrückkäufe, Renditen: Gesamtkapitalrendite, RoIC, Eigenkapitalrendite, Umsatz, EBIT, Cash-Flows (Free und operativ), die Margen, Ausschüttungsquote und die Liquidität des Unternehmens, sowie der Kapitalumschlag und Dividendenentwicklung (Erhöhung,…).
    Als letztes schaue ich, wie sich das Unternehmen gegenüber dem Index entwickelt hat. Ich scanne meine Aktien meistens aus den Indizes (DAX, Dow, Ftse100, SMI,…). Dann mache ich ein kleines Fazit, was mir sowohl positiv oder negativ auffällt, sowie einige Bemerkungen. Das dauert ca. 30-45 Minuten, um das Ganze festzuhalten, aber wenn man nur schnell mit den Augen durchscannt, paar Minuten vielleicht.
    Den Geschäftsbericht sehe ich mir nur an, wenn ich etwas ganz komisch finde oder wenn Zahlen bei morningstar nicht verfügbar sind.

    Als nächstes möchte ich mich um die Unternehmensbewertung kümmern und habe gestern viel über das DCF-Verfahren gelesen. Ein paar weitere Kennzahlen werde ich auch noch dazu packen, mit der Zeit … ich will Alles wissen

    Schönes Wochenende

    1. Hallo Lena,
      danke für die Tipps für Ariva und Mornigstar. Die Seiten habe ich zwar schon mal besucht, aber noch nicht oft für Bewertungen zu Rate gezogen. Muss ich mir mal nähe aussehen. Wie es aussieht bieten die durchaus noch einige nette Darstellungen wie den Branchenvergleich bei Morningstar.

      Wie wertest Du den Vergleich mit dem Index? Ist besser gut weil das Unternehmen überdurchschnittlich läuft oder ist es eher ein Kontraindikator wegen der Regression zum Mittelwert?

      Schönes Wochenende,
      Tobias

      1. Also, ich nutze den Vergleich, um zu sehen, ob es sich z.B. um einen Zykliker handelt. Ansonsten bin ich mir noch nicht ganz sicher, was ich darüber denken soll, weil der Vergleich ab dem Zeitpunkt startet, wo Index und der Unternehmenskurs den gleichen Wert haben. Ab da sieht man dann, Out-, Under- oder durchschnittliche Performance. Beim Einstieg kann es aber auch passieren, dass ein tendenziell Underperformer stärker wächst als der Index, und in diesem Zeitraum würde ich eine bessere Performance als der Index haben, obwohl der Index die letzten 10 Jahre im Durchschnitt viel besser abgeschnitten hat. Oder dass ein Outperformer stärker fällt als der Index (das ist z.B. bei H&M gegenüber dem Euro Stoxx 50 so, seit ca. 2017.) Ich denke, den Indexvergleich muss man auch mit Erfahrung sehen und mit den wirtschaftlichen Kennzahlen des Unternehmens verbinden. Also so ganz genau weiß ich noch nicht, was mir die Information liefert, aber für mich gilt trotzdem: je mehr Informationen, desto besser ^^

    2. Man kann viel Geld für die Ermittlung des intrinsischen Werts ausgeben (FastGraph), man kann Bücher lesen (z.B. Nicolas Schmidlin) und es gibt kostenlose Implementierungen (z.B. Hamsterrad).

      Eine Strategie besteht aus einem Kriterien und Bewertungen. Erst wenn man beides definiert hat, kann man auswählen und geziehlt nach Aktien suchen. Ich bin derzeit sehr begeistert von portfolio123. Leider ist das Tool preiswert aber unerschwinglich, es sei denn man teilt…. Nichts desto trotz kann man 15 Tage testen (Strategien im 5y-Backtest untersuchen).
      Erst damit kann man bewerten wie alles was man so liest sich tatsächlich im Markt ausgewirkt hat …

      Kennt jemand andere plattformen, die backtesting mit Fundamentaldatenscreenern anbieten ?

      Grüße,

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