Tausche Wohnung gegen Handgepäck

In den letzten Monaten habe ich ja schon regelmäßig darüber berichtet, dass ich derzeit dabei bin, meine Wohnung in Lübeck aufzugeben.

Noch am Anfang meines Studiums bin ich hier eingezogen. Die Uni-Nähe, eine günstige Miete und insgesamt 62qm auf drei Zimmer verteilt waren damals perfekt für mich. Und auch nach dem Studium war die Wohnung „gut genug“ für meine Ansprüche. Und so kam es, dass ich hier mittlerweile fast 10 Jahre ausgehalten habe. Warum auch nicht. Gute Lage und gerade mal 571€ warm (zzgl. Strom und Internet) sind für Lübecker Verhältnisse ein echtes Schnäppchen.

Nachdem ich mittlerweile zu 100% remote, sprich „ortsunabhängig“, arbeite, wuchs bei mir der Wunsch, Arbeit und Reisen miteinander zu verbinden. Eigentlich kein Problem. Bei einer Sparquote von 50% und mehr könnte ich mir das locker erlauben und nebenbei trotzdem die Wohnung halten. – Wirtschaftlich ist das natürlich absoluter Humbug.

Darüber hinaus habe ich gemerkt, wie schwer mir die Aufgabe der Wohnung fällt. Alleine der Gedanke daran löste bei mir puren Stress aus. Und so habe ich in der Vergangenheit schon das eine oder andere Mal unterbewusst zu Gunsten der Wohnung und gegen eine andere Chance entschieden. Sei es eine Beziehung am anderen Ende Deutschlands oder ein neues Job-Angebot in einer anderen Region. Das müsste schon verdammt überzeugend sein, damit ich mich dafür den Strapazen der Wohnungsaufgabe unterziehe.

Viele Dinge lähmten mich

In der Vergangenheit haben mich viele Dinge davon abgehalten, die Wohnung zu kündigen.

Zum Einen natürlich der damit verbundene Aufwand und zum Anderen auch die damit verbundene Unsicherheit. Wie auch bei einem Job-Wechsel bedarf es einer gewissen Überwindung, da man von etwas, was man sehr genau kennt zu etwas wechselt, was noch komplett unbekannt ist.

Außerdem haben zwischendurch die Vermieter gewechselt und da es beim Einzug eine Vermietung innerhalb der Familie war, haben wir leider nicht auf vernünftige Übergabeprotokolle geachtet. Daher ist auch etwas unklar, welche Arbeiten ich bei der Übergabe noch zu erledigen habe. Denn schließlich möchte man im Guten mit den neuen Vermietern auseinander gehen.

Insgesamt war es eine ziemliche Hürde, den Schritt der Wohnungskündigung zu gehen.

Der Motivationsschub

Der Motivationsschub kam durch meinen Südafrika-Aufenthalt. Zum Einen, weil ich hier gemerkt habe, wie gut es mir tut, an einem anderen Ort zu sein und weil ich dort Freunde gefunden habe, die mich in den Überlegungen, die Wohnung aufzugeben, bestärkt haben.

Zum Anderen, weil das Arbeiten in Südafrika hervorragend geklappt hat und mir klar wurde, dass ich das theoretisch unbegrenzt und ohne zusätzliche Kosten haben könnte, wenn ich die Miete los bin.

Daher habe ich noch während meines Aufenthaltes in Südafrika Listen gemacht, was ich nach meiner Rückkehr zu tun habe, um dieses Projekt anzugehen.

Außerdem hat mich auch der Wireless Life Guide, den ich in Südafrika gelesen habe, sehr motiviert.

Und nicht zuletzt haben auch meine Eltern mich überraschenderweise mit gutem Zuspruch unterstützt. Überraschenderweise nicht, weil ich mich jemals über mangelnde Unterstützung hätte beklagen können, sondern weil sie unkonventionellen Schritten eigentlich eher kritisch gegenüber stehen und natürlich nicht wollen, dass ich einen Fehler mache.

Zitat meine Mutter, Mitte März: „Wenn du das wirklich willst, warum kündigst du die Wohnung nicht schon jetzt. Was du in drei Monaten nicht verkauft kriegst, wirst du auch in fünf oder sechs Monaten nicht los werden.“ – Zum Glück habe ich mal auf sie gehört und so noch Ende März die Kündigung eingereicht.

Das war ziemlich aufregend.

Zwischen Euphorie und Zweifel

Die folgenden drei Monate waren begleitet von absoluter Euphorie und vernichtendem Selbstzweifel. Von „Ich kann es kaum erwarten“ bis „Warum tue ich mir das an?“.

Mehrfach habe ich mit dem Gedanken gespielt, ob ich die Kündigung nicht widerrufen solle. Aber zum Glück hatte ich mit Gran Canaria und Riga noch zwei kurze Reisen, die mir wieder gezeigt haben, warum ich die Strapazen auf mich nehme.

Und außerdem habe ich sofort mit der Kündigung damit begonnen, Dinge in Kartons zu packen und Möbel auf eBay Kleinanzeigen zu verkaufen, so dass die Wohnung immer ungemütlicher wurde. Damit wurde der Gedanke, noch einen Rückzieher zu machen, ziemlich albern.

Aber ich will ehrlich sein: Dieses Projekt hat mich viel Zeit und Kraft gekostet. Bei so einem Schritt wird einem ganz klar, dass die Zukunft ungewiss ist.

  • Was ist, wenn es mir nicht gefällt? Muss ich dann viel Geld ausgeben und mir alles wieder kaufen?
  • Was ist, wenn ich meinen Krempel nicht rechtzeitig los werde? Muss ich dann alles auf den Müll werfen?
  • Wie vermeide ich es, auf Reisen einsam zu sein? Wie schaffe ich es, Beziehungen aufzubauen, wenn ich nur kurz am selben Ort bin?

Unterstützung ist wichtig

Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich diesen Schritt ohne den Support von Familie und Freunden nicht gewagt hätte.

Sowohl meine Mutter als auch mein Vater und einige Freunde haben mir versichert, dass ich bei ihnen jederzeit einen Schlafplatz habe, wenn es mal notwendig sein sollte. Schon mal gut zu wissen, dass ich nicht auf der Straße landen werde. 😉

Darüber hinaus hat meine Mutter mir angeboten, dass ich einige Kartons bei ihr einlagern und meine Meldeadresse zu ihr verlegen kann. Damit muss ich also nicht ganz auf 0 Besitz runter sondern kann mich langsam von einigen Dingen trennen, wenn ich soweit bin oder sie aber behalten für den Fall, dass ich nach einem Jahr wieder andere Pläne habe.

Außerdem ist das Problem mit der deutschen Meldeadresse, die ich für meinen Vollzeitjob benötige, elegant gelöst.

Reduktion auf das Wesentliche

Schon seit längerer Zeit bin ich dem Minimalismus-Gedanken nicht abgeneigt. Aber natürlich habe ich in meiner Wohnung deutlich mehr Besitz angehäuft, als es sich für einen waschechten Minimalisten ziemt.

Nach dem Desaster mit dem Gepäck für Südafrika habe ich mir jedoch das Ziel gesetzt, nach Möglichkeit nur noch mit Handgepäck zu Reisen und zu Leben. Das ist für mich nach wie vor ziemlich extrem. Da alleine die zwei Laptops nebst Netzteilen und sonstigem Zubehör schon einiges an Platz und Gewicht wegnehmen.

Das ist eben der Nachteil, wenn die Firma darauf besteht, dass man deren Geräte verwendet: Mein Büro-Equipment habe ich gewissermaßen doppelt dabei und das Firmennotebook ist weder kompakt noch leicht. Genau so gut könnte ich auch drei MacBooks mitnehmen. Nun ja. Muss ich halt bei den Klamotten sparen. – Okay, warme Länder sind mir eh lieber. 😀

Die zwei Wochen Gran Canaria waren schon mal ein guter Probelauf, da ich hier im Prinzip genau so viele Klamotten mitgenommen habe, wie ich auch für vier oder mehr Wochen benötigen würde. Das hat gerade so in meinen Osprey Farpoint 40 reingepasst.

Mal sehen, wie sich das bei längeren Reisen oder bei Reisen in kältere Regionen bewährt. Notfalls habe ich ja noch meinen großen Reiserucksack, allerdings ist Reisen ohne Aufgabegepäck schon eine ziemlich coole Nummer.

Fazit

Dieses „Projekt“ ist herausfordernder für mich, als ich gedacht hätte. Ich bin jedoch sehr froh, es angegangen zu sein und dass es für einen Rückzieher zu spät ist.

Ich sehe in der „heimatlosen“ Zukunft eine großen Chance, mich persönlich weiter zu entwickeln, neue Länder und Menschen kennen zu lernen und herauszufinden, wo, wie und mit wem ich leben möchte. Außerdem kann es gut sein, dass ich dadurch sogar noch einen Haufen Geld spare.

In meinem nächsten Artikel werde ich näher darauf eingehen, welche Schritte ich wann unternommen habe, um mich endgültig von meiner Wohnung und den meisten meiner Besitztümer zu trennen.

Hast Du Erfahrungen mit dieser Art des Lebens? Welche Tipps kannst du mir geben?

9 Comments

  1. Stark, dass du dich nun für die Wohnungsaufgabe entschieden hast. Ich habe in meinem Leben immer wieder feststellen dürfen, dass gerade durch das Verlassen der eigenen Komfortzone die besten Erfahrungen entstehen. So hat es auch mich schon einmal für mehrere Monate nach Südafrika gezogen. Das war zwar noch zu Studienzeiten, nichtsdestotrotz eine unvergessliche Zeit! Ich drücke dir jedenfalls fest die Daumen, dass dir dein Unterfangen gelingt!

    – David

    1. Moin David,
      vielen Dank für die netten Worte!
      Deine Erfahrungen bezüglich des Verlassens der Komfortzone kann ich nur bestätigen. Schon jetzt merke ich, wie viel leichter mir das Reisen gedanklich fällt, als noch vor einigen Jahren. Und nirgendwo habe ich in der letzten Zeit mehr gelernt und erlebt, als auf meinen Reisen. 🙂

      Beste Grüße
      Tobias

    1. Vielen Dank Denny! Ja das sehe ich auch so. Wer weiß, wie mein Leben in einigen Jahren aussieht. Vielleicht passt das Reisen dann nicht mehr so gut. 🙂

      Es wird definitiv auch zukünftig noch Reiseberichte geben. 😉

      Beste Grüße
      Tobi

  2. Ich finde die schönste Trennung von Dingen ist das Verschenken. Werde nie vergessen wie schön es war zu sehen wie Waschmaschine, Zweitnotebook, … das Leben eines Bekannten der knapp bei Kasse ist vereinfachten und wie sich die WG im Nachbarhaus über Brotkasten und Kleinteile freute – und keines der Dinge fehlt mir danach in irgendeiner Weise.

    Mach Dich mit dem Onebagging nicht verrückt: Für manche Reisen ist es prima und für andere gebe ich lieber einen Koffer auf. So oft wird aufgegebenes Gepäck ja nun auch wieder nicht fehlgeleitet (bei mir 1 mal in 40 Jahren) und alle 3 Mon einmal 10 Min auf den Koffer warten ist auch kein Problem. Auch mit Handgepäck kanns leicht Probleme geben: mal durch Vollpacken etwas zu gross, mal zu schwer – zur Sicherheit immer einen kleinen faltbaren Rucksack mit einpacken, ist auch gut als Daypack, z.B. diesen https://amzn.to/2J4zrWW *.

    1. Hallo Peter,
      vielen Dank für das Teilen deiner Erfahrung! Mir hat das Verschenken einiger Dinge ebenfalls viel Spaß gebracht. Es ist einfach schön, wenn sich beide Seiten freuen. – Ich, weil ich es los bin und der/die Beschenkte, weil er/sie viel Geld sparen konnte. Soo viel besser, als Dinge sinnlos zu entsorgen.

      Wenn ich in kältere Gegenden reise, werde ich definitiv noch einen größeren Rucksack mitnehmen/einchecken. Da reicht das Handgepäck dann nicht mehr. Ansonsten schaue ich erst mal, wie es sich so ohne Aufgabegepäck reist. Und wenn es mir zu viel wird, steht mein großer Reiserucksack noch immer zur Verfügung. Von dem habe ich mich nämlich noch nicht getrennt.

      Beste Grüße
      Tobias

  3. Pingback: Von 62 Quadratmetern auf 40 Liter in 3 Monaten – Der Finanzfisch

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